Verkehr morgen
21. Juli 2009
Die Weltbevölkerung steigt, und mit ihr steigt das Verkehrsaufkommen. Immer mehr Menschen leben in riesigen Großstädten, in den Industriestaaten geht der Trend zum Drittauto für den Zwei-Personen-Haushalt und in Ländern wie Indien oder China kommt die Massenmotorisierung gerade erst auf Touren.
Schon vor gut einem Jahr haben wir uns hier mit dem Thema „nachhaltige Mobilität“ beschäftigt. Optimistisch konnten wir damals in die Zukunft blicken, in der sicheren Gewissheit, dass sich etwas tun müsse – die steigenden Ölpreise würden dem automobilen Wahnsinn irgendwann schon ein Ende bereiten.
Doch ein Ende ist, realistisch betrachtet, nicht abzusehen. Wirtschaftlicher Abschwung bedeutet für die großen Schwellenländer nicht notwendigerweise einen Wachstumsrückgang, sondern nur ein langsameres Wachstum. Und mit mehr Wohlstand erfüllen sich viele ihren Traum von der unabhängigen Mobilität. Motorisierung versprach uns vor hundert Jahren die Zukunft – den Entwicklungsländern geht es heute ebenso. Eine fatale Entwicklung.
„Mobilität ist ein wesentlicher Bestandteil der Anforderungen von Menschen an Wohlstand – hat aber gerade deswegen einen großen Einfluss auf Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft. Entwicklungsländer streben nach Wohlstand – und innerhalb dieses Strebens nimmt die Unabhängigkeit und Macht, die z.B. ein Auto dem Besitzer verleiht, ein wichtiges Ziel ein. „
In Neu-Delhi, dem einstigen Mekka Fahrrad-gefüllter Straßen, in Mexico City, Sao Paulo oder Mumbai tauschen Menschen ihr umweltfreundliches Zweirad gegen billige Motorroller, Autos, Kleinlaster – also alles, was einen Motor hat, Benzin verbrennt, und etwas schneller ist als das Fahrrad. Das Umweltschädliche wird zum Prestigeobjekt, und das Verkehrschaos nimmt zu.
Wo in Europa ein grünes Gewissen Einzug hält, versucht man, den umgekehrten Weg zu gehen: Paris, Berlin und Hamburg haben Fahrradleihsysteme eingeführt, die dem potentiellen Stau-Steher geradezu zurufen: Nimm das Fahrrad, lass das Auto stehen.
Klar ist: „die Zukunft gehört nicht der autogerechten Stadt – die Konzepte von morgen sind grün“, wie die Deutsche Bahn zuletzt in ihrem Magazin schrieb. Denn: Wirft man einen ökonomischen Blick auf den Autoverkehr, so kann die Bilanz unmöglich positiv ausfallen. 1,2 Mio. Verkehrstote jedes Jahr, bis zu 50 Mio. Verletzte. Ruß, Abgase und Lärm machen die Städte unschön und die Menschen krank. Die Ausgaben für Verkehrsinfrastruktur steigen sprunghaft – doch nur, um den Bestand zu erhalten, und jedem Bürger zuzusichern, dass er mit dem eigenen Auto jederzeit überall hinfahren kann.
„Unsere Art der Mobilität ist global nicht nachhaltig“,
sagt der Stuttgarter Oberbürgermeister dazu. Recht hat er – und noch mehr: Unsere Art der Mobilität ist global unmöglich. Die deutsche Bevölkerungszahl stagniert – trotzdem wird, laut einer Studie, der PKW-Verkehr um 20% zunehmen. Die Autobauer halten sich nicht an ihre Selbstverpflichtung, die Autos sauberer und effizienter zu machen, und Vorreiter auf diesem Gebiet ist so ausgerechnet Toyota: Mit ihren Hybrid-Autos leisten die Japaner effektiv den größten Beiträg aller Autokonzerne.
Vor dem Hintergrund des Klimawandels besteht die Notwendigkeit, den Treibhausgas-Ausstoß des Mobilitätssektors zu senken – denn nach wie vor trägt der Bereich mit einem guten Viertel der globalen Emissionen zu Buche. Und das könnte weniger sein: Stadtplaner und Staatskasse ebenso wie Privatpersonen und Umwelt würden sich freuen.
Projekte gibt es genug: Die Bahn berichtet stolz von einem System in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotà, in dem eine Sonderspur für Busse eingerichtet ist. Die Nutzung des öffentlichen Busverkehrs wird so attraktiv, weil der einfach am Stau vorbeifährt – und so viel schneller unterwegs ist.
Der Radverkehr muss ausgebaut werden – gerade in Großstädten sind die Vorraussetzungen eigentlich ideal: Eine Viertel einer Autofahrbahn, durch Markierungen oder Grünstreifen abgetrennt, genügt, um Radfahrern eine sichere Piste zu gewähren, und den Radverkehrsanteil in Metropolen langfristig auf bis zu 25% anzuheben. Auch zu Fuß ist man überraschend gut unterwegs, stellen wir heute fest – auch wenn jahrzehntelang dem Auto bei der Straßenplanung der Vorrang gegeben wurde.
Wer dem Regen entgehen will, muss ein eng verzahntes, kostengünstiges und komfortables System aus Bahnen und Bussen nutzen können. Dabei gibt es viele Variationsmöglichkeiten: So können die Busse, wie in Indien, mit Naturgas fahren, wie in Brasilien mit Pflanzenöl, oder wie in Deutschland mit Wasserstoff. Sie können eine eigene Spur haben, um schneller voranzukommen. Bahnen können die trägen Regionalverkehrszüge sein, die flitzenden Magnetschwebebahnen, U-Bahnen, Straßen- oder Stadtbahnen. Damit hat Straßbourg gute Erfahrungen gemacht: Per Schnellzug weit ins Hinterland angebunden, fährt man in der Stadt gut&schnell mit der Stadtbahn – einer niederflurigen und geräumigen Bahn, die wieder `94 eingeführt wurde, nachdem die Straßenbahn 30 Jahre zuvor stillgelegt wurde.
Wo die gesteigerte Annehmlichkeit des Öffentlichen Personennahverkers (ÖPNV) nicht reicht, um die Verkehrsteilnehmer zum Umstieg zu bewegen, darf auch mal eine rabiate Maßnahme her: schon heute müssten Autos 1. nach Verbrauch und 2. nach CO2-Ausstoß besteuert werden. In Deutschland ist man damit noch vorsichtig – in London müssen CO2-Schleudern, die in die Innenstadt fahren, pro Tag 8 Pfund berappen.
Niemand will den Autoverkehr ganz ausrotten – gerade die Wirtschaft ist auf individuellen Transport angewiesen -, aber doch eindämmen. Autoverkehr muss auf ein vernünftiges Maß zurückgeschraubt werden – um damit auch den Schwellenländern Vorbild zu sein. Das ist…
- gut für die Umwelt - geringerer Schadstoffausstoß und weniger Treibhausgase -,
- gut für die Menschen - weniger Unfälle, weniger Krankheiten, weniger Stress -,
- gut für die Städte - mehr grün, weniger Asphalt, lebendigere Cities -,
- gut für unsere Geldbeutel - weniger Ausgaben für Verkehrsinfrastruktur und Individualverkehr, geringere Spritkosten -,
- gut für die Zeit - wir sind schneller, flexibler, bequemer unterwegs und können die Zeit im Verkehr nutzen -
Doch ob wir Verkehrskollaps und Klimawandel durch Mobilität entgehen, weiß heute niemand. Letzten Endes ist es auch eine Frage von unserer Entscheidungsfreudigkeit: Bereiten wir uns heute auf die Notwendigkeiten einer grünen Zukunft vor, oder lassen wir uns kalt erwischen?
Ich steige um – und fahre jetzt mit dem Rad zur S-Bahn.
Entry Filed under: Hintergrundartikel. Schlagworte: Auto, Bahn, Bus, Fahrrad, Klimawandel, Mobilität, nachhaltige Mobilität, Nachhaltigkeit, Verkehr, Verkehrschaos, Zukunft.
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1.
Peter | 22. Juli 2009 at 10:55
Ist eine gute Frage, was bringt die Zufkunft.
Eigentlich sollten wir ja unsere Zukunft selber in die Hand nehmen, bzw. die Politik, aber eben in die richtige Hand (Richtung).
2.
der Radler | 31. Juli 2009 at 10:07
„Ich steige um – und fahre jetzt mit dem Rad zur S-Bahn“ …
und das machen immer mehr, selbst in London scheint man umzudenken, siehe hierhttp://velowahnsinn.wordpress.com/2009/07/30/radfahren-geht-einfach-schneller-london-verliebt-sich-ins-fahrrad/ bzw. das Original dort http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,638733,00.html Es tut sich was …
3.
Verkehr praktisch « green.social blog | 11. August 2009 at 11:37
[...] August 2009 Da wir uns in letzter Zeit doch recht intensiv mit dem Themenbereich “nachhaltige Mobilität” auseinandergesetzt haben, und schon einige grundsätzliche Thesen entwickelt haben, möchten [...]