Atomkraft, nein danke 2.0

7. Juli 2009

Deutschland steht vor einer Energiekrise, es fehlen Kraftwerke! Die Grundlast kann von deutschen Kraftwerken nicht mehr gedeckt werden! Wir brauchen Atomstrom, er ist sauber und günstig! Die ganze Welt will Atomstrom, nur Deutschland nicht – als einziges Land auf der Welt! Und eigentlich ist Atomstrom ja gar nicht so böse, wie alle sagen. Denn es wird ja viel zu ideologisch darüber diskutiert, und ganz an den Fakten vorbei.

Meint die Atomlobby.

Dass wir uns hier hin und wieder Gedanken über den Klimawandel machen, ist ja bekannt. In der Debatte um eine zukünftige Energieversorgung, die klima- und umweltfreundlich ist , wird immer wieder auch die Atomenergie ins Gespräch gebracht – auch das kommt nicht von ungefähr, sondern wird mit millionenschweren Werbekampagnen der Atomkraft-Unterstützer lanciert. Da hängen hin und wieder Plakate, auf denen eine idyllische Landschaft zu sehen ist, Schafe grasen, Blumen blühen, blauer Himmel – und im Hintergrund stehen zwei Kühltürme. So versucht die Atomlobby, sich in Szene zu setzen.

Doch der Ausstieg aus der Atomkraft ist in Deutschland Gesetz: Ein gutes Geschäft droht sich dem Ende zuzuneigen. An den längst abgeschriebenen Atomkraftwerken verdienen die Atomkonzerne gut – jeder Tag, an dem die AKWs laufen, spült Geld in die Kassen. Unz so verzögert und taktiert die Branche, wartet ab – und hofft auf eine schwarz-gelbe Regierung ab Herbst. Denn schwarz-gelb und die Atomlobby mögen sich. Beim jüngst begangennen 50. Geburtstag des Deutschen Atomforums gab sich die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel die Klinke in die Hand und pries die Atomenergie. Die studierte Naturwissenschaftlerin sollte es besser wissen –  selbst die von den Kraftwerksbetreibern vorgebrachten Argumente haben unter der Lupe kaum Bestand. Entsprechend geharnischt kam das Statement des Ministers Sigmar Gabriel daher, der als Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit die Zuständigkeit für derlei Fragen schon im Namen trägt:

50 Jahre Atomforum – das bedeutet ein halbes Jahrhundert Lug und Trug. Die Propagandazentrale der Atomkonzerne steht wie kaum eine andere Institution für das bewusste Verschweigen, Verdrängen und Verharmlosen der Gefahren, die mit der kommerziellen Nutzung der Atomenergie verbunden sind. Der (…) Ausstieg aus der risikoreichen Atomenergienutzung, der Aufbruch in eine zukunftsfähige Energieversorgung ohne Öl und Atom – all das ist an den Propagandisten des Atomforums (…) vorbeigegangen“,

sagt er, nennt die AKWs „lebenden Fossilen“ – noch existente Relikte aus Urzeiten – und qualifiziert das Atomforum für den „Misthaufen der Geschichte“. Selten sprechen Politker eine so deutliche Sprache. Diese verbale Auseinandersetzung ist typisch für den Atomstreit. Mehr als sonst hat die Lobby ihre Finger im Spiel, und versucht ganz unverhohlen, Einfluss zu nehmen: Es sitzen viele Verhandlungspartner am Tisch – durch emotionale Argumentation alle klar polarisiert.

Doch wieso sollten die persönliche, auch emotionale Einmischung verboten sein – gerade bei einem so sensiblen Bereich müssen die Ängste der Menschen respektiert werden – die Mehrheit der Deutschen lehnt Kernenergie ab. Die Diskussion muss geführt werden, und bald zu Ende gehen.

Die Realität straft die Atomlobby Lügen:  nur Stunden, nachdem beim Atomforum die „Sicherheit und Verlässlichkeit“ des Atomstroms gefeiert wurden, gingen in Norddeutschland die Lichter aus: Das bereits als „Pannen-AKW“ bekannte Kernkraftwerk Krümmel hatte schon wieder eine Panne zu vermelden und musste heruntergefahren werden. „Neue Pannen, alte Probleme“, konstatiert Greenpeace.

Eine Grundlast ist in Deutschland kein Argument mehr für Atommeiler: Durch Energieformen wie Windenergie, die nur zeitweise auftreten, müssen wir einen Energiemix entwerfen, der wie ein Zahnrad ineinander greift. Es werden Spitzenlast-Ausgleichskraftwerke gebraucht. Die riesigen AKW-Kolosse sind dafür zu langsam.

AKWs sind nicht günstig, im Gegenteil: längst abgeschrieben und durch indirekte Subventionen gestützt, sind sie gesamtvolkswirtschaftlich teuer. Und der Strompreis wird ohnehin an der Börse gemacht.
Das Klima schützen sie auch nicht: Mit der Uranproduktion wird überreichlich C02 freigesetzt – mehr als bei effizienten Gaskraftwerken.

Weg von fossiler Stromerzeugung heißt auch, weg von Uran – das ist nämlich ebenfalls ein fossiler Energieträger und für ambitionierte Atomkraft-Pläne ist er auch zu endlich: Experten sehen einen „Peak-Uran“ – also das baldige Zurückgehen der Uranförderung. Uran weg, Ofen aus. Ohne Brennstoff helfen auch die Kraftwerke nichts. Das ist aber nicht schlimm, denn: Selbst um den Atomkraft-Anteil weltweit stabil zu halten, müsste noch mehr Kraftwerke gebaut werden als derzeit in Planung sind. Einen so großen Beitrag zum Klimaschutz, wie man uns glauben machen will, können AKWs also gar nicht leisten.

Doch sogar wenn eine Ausweitung der Atomtechnologie, entgegen aller rationalen Erwartungen, global möglich wäre: Es muss uns immer bewusst sein, dass mit ziviler Urannutzung immer auch die militärische einhergeht. Wer sonst den Kampf für globale Abrüstung kämpft, tut wenig gut daran, allen Staaten der Welt im Prinzip waffenfähiges Uran an die Hand zu geben.

Ja – womöglich fehlen in Deutschland langfristig Kraftwerkskapazitäten. Aber das ist, wie sogar Stephan Kohler, Geschäftsführer der sonst wenig kritschen Dena (Deutsche Energie Agentur) zugibt, „die Chance, das Energieversorgungssystem wirklich intelligent umzubauen“. Und darüber, meint Kohler, „lohnt es viel mehr nachzudenken als über die Wiederbelebung der Atomenergie“.

  • Alle Argumente und Fakten zum Thena müssen wir hier nicht wiederkäuen: Andere haben sich an anderen Stellen bereits die Mühe gemacht, die Pro-Atom-Argumentation gründlich auseinanderzunehmen. Sehr empfohlen sei an dieser Stelle der taz-Artikel dazu, oder auch der Faktenkatalog des Umweltministeriums. Auch dieser Zeit-Artikel liefert wertvolle Argumente.

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2 Comments Add your own

  • 1. der_Radler  |  10. Juli 2009 at 11:07

    … nur soviel zum Thema Sicherheit und AKW:
    neue Steigerungsform: Gau-Megagau-Vattenfall

  • 2. Zeit für Klimagerechtigkeit! « green.social blog  |  7. Oktober 2009 at 09:52

    [...] ist ihnen das nicht. Wenn, dass wurde „Klima“ nur als Stichwort benutzt, um auf das Reizthema „Atomenergie“ [...]

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