ein Plädoyer fürs Fahrrad
13. Mai 2009

Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise gibt es in Deutschland ein neues Förderungsmodell. Die Bundesregierung hat die Umweltprämie erdacht – die soll dazu gut sein, dass alte durch neue Autos ersetzt werden. Und das hilft dann der Umwelt – sagt die Bundesregierung. Hilft tatsächlich aber nur ein bisschen: verschwenderische Autos werden ersetzt durch ein bisschen weniger verschwenderische Autos. Also ein so kleiner Schritt im Klimaschutz, dass er die Geduld von Klimaschützern durchaus strapazieren könnte. Und das unter enormer Verwendung von Staatsmitteln!
„Wenn die Bundesregierung Steuermilliarden ausgeben will, um die Wirtschaft anzukurbeln, dann muss sie dies für umweltfreundliche Verkehrsmittel tun“,
schreibt der Verkehrsclub Deutschland (VCD) dazu – und fordert „eine wirkliche Umweltprämie“ für das Fahrrad!
Bei aller Radikalität – die Idee des VCD ist gut. Denn das Fahrrad ist eine echte Zukunftstechnologie. Denn es trägt zur Lösung etlicher Probleme bei: ein überlastetes Gesundheitssystem, riesige erforderte Investitionen in Straßen, die Gefährdung durch CO2-Emissionen und Klimawandel, Feinstaub und Abgase, verstopfte Verkehrsinfrastruktur, teure Benzinpreise – all solche Probleme hilft das Fahrrad, zu umgehen.
Wer viel Fahrrad fährt, ist gesünder – denn Fahrrad fahren ist Sport und Bewegung, man ist aktiv und an der frischen Luft. Fahrradfahrer verstopfen keine Straßen, und für Fahrradfahrer müssen auch keine teuren Mega-Autobahnen gebaut werden – es reicht eine ebene Strecke, die sogar unversiegelt sein kann, also nicht asphaltiert sein muss. Auch das ist gut für die Umwelt. Fahrrad fahren ist ressourcenschonend – es werden keine fossilen Brennstoffe verbraucht, kein CO2 wird frei, keine umwelt- und gesundheitsschädlichen Abgase entweichen. Für ein Fahrrad muss niemand Benzin kaufen – so kommt ein Umstieg auf das Fahrrad auch im Geldbeutel an.
Dennoch ist das Fahrrad enorm praktisch. In der Stadt ist man mit ihm oft schneller unterwegs als mit Auto oder sogar mit Bahnen. In der Londoner Innenstadt lohnt sich die Fahrt mit der U-Bahn erst ab vier bis fünf Stationen – dazwischen ist man per Rad oder zu Fuß schneller. Die Parkplatzsuche entfällt, und man ist auch auf Auto-unzugänglichem Gelände gut unterwegs.
Es könnte so schön sein. Doch die Politik schafft nur unzureichende Grundlagen.
Nur zu häufig ist das Radwegenetz in einem miserablen Zustand. Leihfahradsysteme sind kaum verbreitet. Im Straßenverkehr muss man als Radfahrer mitunter um sein Leben bangen. Die Vernetzungsmöglichkeiten z.B. mit dem ÖPNV sind ungenügend – aber auch in ICEs sind Fahrräder bis heute unerwünscht. Es wird nichts unternommen, um Radfahren attraktiv zu machen.
Der Anteil des Fahrradverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen ist dementsprechend gering, in ganz Deutschland im einstelligen Prozentbereich, während z.B. in fahrradfreundlicheren Nachbarländern der Radanteil am Verkehrsaufkommen z.T. bis zu 27% beträgt!
Doch es gibt auch gute Nachrichten: Schon wenige, günstige Maßnahmen können da viel helfen!
Auf den Straßen brauchen wir eine andere Ordnung: Nicht die stärksten Verkehrsteilnehmer – die Autos – sollen das Geschehen dominieren, sondern die „schwächsten“ – Fußgänger und Radfahrer.
Es sind umfassende Investitionen ins Radwegenetz vonnöten, überall ist es das gleiche Bild: Radwege sind zugeparkt oder geradezu unbefahrbar. Doch eine günstige und schnelle, aber sehr wirksame Maßnahme ist es, auf den Straßen in beide Richtungen mit Fahrbahnmarkierungen breite Radfahrstreifen abzutrennen. So können auch Radfahrer schnell und sicher vorankommen.
Radleihsysteme müssen ausgebaut, und die Vernetzung mit dem ÖPNV gestärkt werden. Ausreichend Abstellmöglichkeiten für Fahrräder müssen installiert werden.
Denn wo Fahrräder an ihre Grenzen stoßen – bei benachteiligten, spricht behinderten Menschen, wenn es große Dinge zu transportieren gilt, oder aber auch bei schlechtem Wetter – ist der ÖPNV bzw. andere Massentransportmittel ein probates Mittel zum Ersatz und zur Ergänzung des Fahrrads.
Paris ist da weiter, als wir es in Deutschland sind, wie Jörg Haas („Klima der Gerechtigkeit“) berichtet. Und Anlass zur Zuversicht geben etliche Fahrrad-Vorkämpfer, wie Torben Frank, die sich engagiert für eine bessere Verkehrspolitik einsetzen.
Hoffen wir auf die Vernunft der Politik, damit es bei uns vorangeht. Und etwas kann jeder tun: Umsteigen!
Entry Filed under: Kurzeintrag/Aktuelles. Schlagworte: Abwrackprämie, ÖPNV, Bike+Ride, Fahrrad, Klimawandel, Mobilität, nachhaltige Mobilität, radfahren, Straßen, Technologie, Umwelt, Umweltprämie, Verkehr, Zukunft.
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1.
der Radler | 14. Mai 2009 at 12:30
Stimme „fast“ ganz zu ;-) aber bitte keine Extra-Radwege, der Radverkehr muss auf die Straße, um sicherer zu werden, zumindest in der Stadt.
2.
greensocial | 14. Mai 2009 at 17:16
Ja, da hast Du Recht – und deswegen ist das ja mit einer der Kernpunkte der Forderungen:
„Es sind umfassende Investitionen ins Radwegenetz vonnöten, überall ist es das gleiche Bild: Radwege sind zugeparkt oder geradezu unbefahrbar. Doch eine günstige und schnelle, aber sehr wirksame Maßnahme ist es, auf den Straßen in beide Richtungen mit Fahrbahnmarkierungen breite Radfahrstreifen abzutrennen. So können auch Radfahrer schnell und sicher vorankommen.“
3.
Christian | 19. Mai 2009 at 05:54
Volle Zustimmung. Vor allem die Probleme mit dem ÖPNV sehe ich als ein wesentliches Hindernis bei der Förderung des Radverkehrs – wer schon mal erlebt hat, wie Radfahrer teilweise vom Bahn-Personal behandelt werden, weiß wovon ich spreche. Allein schon die Tatsache, dass Radfahrer bei der DB und anderen Verkehrsträgern vielfach Aufschläge für den Transport des Fahrrads zahlen müssen, „weil das eine Zusatzleistung ist“, spricht Bände. Wer mit drei großen Koffern einsteigt, dürfte in etwa gleich viel Platz verbrauchen und auch Transportgewicht hinzufügen, ohne dass man ihm mit Aufschlägen kommt. Von einem „radfreundlichen“ Land sind wir mit solchen Possen leider noch ein ganzes Stück entfernt…
4.
Wäre die Welt eine Bank… « green.social blog | 30. Mai 2009 at 17:06
[...] übelasteten Dispokredits gehen, wirft der Staat mit vollen Händen Geld durch die Gegend – wie etwa bei der Abwrackprämie, über deren (etwas zweifelhaften) Sinn wir schon geschrieben [...]
5.
Verkehr morgen « green.social blog | 21. Juli 2009 at 18:03
[...] weil der einfach am Stau vorbeifährt – und so viel schneller unterwegs ist. Der Radverkehr muss ausgebaut werden – gerade in Großstädten sind die Vorraussetzungen eigentlich ideal: Eine Viertel einer [...]
6.
Philipp Ranitzsch | 9. November 2009 at 17:46
Ein gewisses Problem ist aber auch das Verhalten der Verkehrsteilnehmer selbst.
In Heidelberg, das man in diesem Zusammenhang durchaus Großstadt nennen kann, (auch wenn es verglichen zu Hamburg immer noch klein ist) gibt es ein relativ hohes Fahrradaufkommen, was man wohl auf den hohen Studenten- und Akademikeranteil zurückführen kann.
Aber auch hier werden Verkehrsregeln, vor allem von Fahrradfahrern mit Füßen getreten. Aufgrund der zugrunde liegenden Flexibilität fahren sie mal auf der Straße, mal auf dem Gehweg, mal mit und mal gegen die Fahrtrichtung. Hier wäre neben dem recht gut zu nennenden Fahrradwegnetz in HD noch einiges an Etikette der Verkehrsteilnehmer von Nöten. Das heißt aber auch mehr Rücksicht der Autofahrer auf Radfahrer.
Aber anscheinend gibt es z.T. schon einiges an Veränderungen in die richtige Richtung, wie ich hier:
Stiftung Warentest Fahrrad Spezial
erfahren habe. Bleibt (wie immer) die Frage, wie gut und schnell das Ganze umgesetzt wird…
Ein paar Punkte muss ich aber auch einschränken:
„Keine Parkplatzsuche“: Wenn man einen sicheren Ort zum anschließen des Fahrrads sucht (fester unverrückbarer Gegenstand zum anschließen) kann das je nach Ort auch etwas dauern: Fahrräder HD Hbf
„Zugeparkte Radwege“: Man ist berechtigt auch bei einem teilweise zugeparkten Radweg die Polizei zu verständigen und das Auto abschleppen zu lassen. Vielleicht eine kleine Anregung für genervte Radfahrer :-).
7.
Philipp Ranitzsch | 9. November 2009 at 17:50
P.S. Gibt es hier eine Editieren-Funktion? Der eine Link funktioniert nämlich irgendwie nicht und das würde ich einfach editieren…
Egal, hier der Link zum Foto: Fahrräder HD Hbf