02 can do? Wasser für alle!
25. März 2009
Zuletzt fand in Istanbul das 5. Weltwasserforum statt. Gesprochen wurde über alles, was mit Wasser und globaler Wasserversorgung zusammenhängt – herausgekommen ist wenig, wie Umweltschützer finden. Ein „Treffen der Plattitüden“ sei es gewesen, hieß es.
Schade – denn Wasser ist wirklich ein Thema der Zukunft. Um bei den Plattitüden anzusetzen, lässt sich formulieren, dass schon bald Kriege darum geführt werden könnten. Oder dass wir es in verschwenderischem Überfluss haben, während es in den ariden (=trockenen) Gebieten Afrikas, Asiens und Amerikas dringend gebraucht wird.
Das Sahnehäubchen auf dem Kritiksturm ist noch, dass das weitgehend ergebnislose Weltwasserforum vergangene Woche selbst über 17 Millionen Euro gekostet hat.
Doch unsere Diskussion über Wasser ist im wahrsten Sinne des Wortes Trockenschwimmen. Rund 20% aller Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, und 40% leiden an Wasserknappheit – heute schon!
Und im Jahre 2050 werden, Schätzungen zufolge, 2 Milliarden Menschen an Wasserknappheit leiden, im schlimmsten Fall sogar 7 Milliarden.
Wasser ist von essentieller Bedeutung für den Menschen als Individuum, aber auch für die Gemeinschaft. Nur der Konsum sauberen Trinkwassers ist hygienisch und medizinisch unbedenklich. Doch Wasser wird nicht nur von jedem der gegenwärtig knapp 7 Milliarden Menschen täglich konsumiert – viel wichtiger ist die industrielle, gewerbliche und vor allem landwirtschaftliche Verwendung. Doch dazu später.
Heute ist Wasser noch kein Gut, das in einem Ausmaß wie Öl über Pipelines und Tanker verschifft wird – auch wenn das schon zunehmend der Fall ist. Dies spielt im Umgang mit der globalen Ressource Wasser bisher jedoch eine untergeordnete Rolle.
Ein wesentlicher Wassertransfer findet jedoch indirekt statt: Zum Beispiel durch den Export von Gütern, zu deren Erzeugung ein immenser Einsatz von Wasser notwendig ist. Unlängst wurde dafür ein Begriff geprägt: „virtuelles Wasser“ nennt man den „Rucksack“ an Wasserverbrauch, den ein Produkt mit sich herumschleppt. Der Autor Fred Pearce behandelt dieses Thema in seinem Buch sehr anschaulich und gibt Beispiele:
Die Produktion eines 2g schweren 32-MB-Computerchips erfordert den Einsatz von 32 Litern Wasser; für die Fertigung eines Autos gehen bis zu 400.000 Liter drauf. In einem Kilo Getreide stecken 1000 bis 2000 Liter Wasser, in einem Kilo Rindfleisch die riesige Menge von bis zu 16.000 Litern.
Der Export dieser Güter – die häufig ohnehin in wasserarmen Regionen gefertigt werden – bringt ein besonderes Konfliktpotential mit sich: Das Wasser steht den Menschen vor Ort nicht zur Verfügung, wird aber auch nicht einfach konsumiert – es wirkt, als wäre es einfach „weg“.
Die Produktion landwirtschaftlicher Güter ist also extrem wasserintensiv – gerade, wo es trocken ist, muss mehr gegossen werden. Folglich ist der Verbrauch dort am höchsten, wo eigentlich auch die höchste Nachfrage besteht; und das schaukelt sich dann hoch.
Das nämlich ist auch ein Problem vieler Millionen Menschen, die unter Wasserknappheit leiden: das Wasser ist einfach zu lukrativ, und schon unlängst haben internationale Konzerne entdeckt, dass sich damit doch durchaus Geld verdienen lässt. Die Wasserversorgung ganzer Städte und Landstriche wurde in einem Auswuchs neoliberaler Philosophie rund um den Erdball privatisiert. Firmen sind nun zuständig – und wollen Gewinn machen. Preiserhöhungen sind die Folge, und wer nicht zahlt, dem wird das Wasser abgedreht. Das trifft die Ärmsten der Armen, die dann entweder Dreckwasser trinken oder verdursten müssen. Gerade die großen internationalen Konzerne treten ein für eine Privatisierung der Trinkwasserversorgung, um selbst Gewinne zu machen, so zum Beispiel Nestlè („Vittel“, u.a.) . Doch Trinkwasser ist die Lebensgrundlage aller Menschen – wird es eine Ware, so trifft man damit die Ärmsten der Welt.
BBC und Human Right Watch berichteten beide über einen weiteren Vorfall, der in diesem Zusammenhang ins Auge sticht: Im südlichen Indien hat die örtliche Coca-Cola-Tochter eine Fabrik errichtet und pumpt aus 65 Bohrlöchern täglich bis zu 600.000 Liter aus dem Boden. Das führt zu einer rapiden Absenkung des Grundwasserspiegels und damit zu einer Störung des Ökosystems. Die Menschen vor Ort haben Missernten und Wassermangel, stehen ohnehin an der Schwelle der absoluten Armut. Sie müssen ihr Wasser nun von der Coca-Cola-Company, Inc. („Fanta“, „Sprite“, „Bonaqua“, weltweit tausende von weiteren Trinkwasserbrunnen und -marken) kaufen.
Auch Wasserverschmutzung und Zurückhaltung z.B. durch gigantische Stauseen stellen internationale Probleme im Bezug auf Wasser dar.
Es ist ja nicht so, als ob es auf dem „blauen Planeten“ nicht genug Wasser gäbe – doch wir können eben nur das Süßwasser genießen und nutzen.
Dürfen wir hier Wasser verschwenden (direkt durch Verbrauch oder indirekt durch Warenkonsum), während anderswo Menschen an Wassermangel elendiglich zu Grunde gehen? Nein. Der Zugang zu Wasser ist eben doch eine Frage der Gerechtigkeit, und die Forderung „sauberes Wasser als Menschenrecht“ ist keineswegs überzogen.
Erneut wird die Verbindung von sozialen und ökologischen Problemen deutlich:
Wird Wasser verschmutzt, verschwendet, zu teuer verkauft oder Gebieten durch Umleitung entzogen bzw. durch ökologische Probleme unzugänglich, so sind gerade die in Eigenversorgung lebenden besonders affektiert. Den bei ihnen, den ohnehin mittellosen, hängt die Existenz von der Intaktheit des Ökosystems ab: genießbares Wasser, fruchtbarer Ackerboden, ausreichend Nahrung, ein Dach über dem Kopf.
Das Existenzrecht der Menschen muss anerkannt werden – und deswegen auch ihr Recht auf Wasser sowie auf die Intaktheit ihrer Ökosysteme.
edit: Auf Hinweis eines süddeutschen Elite-Naturwissenschaftlers (Danke dafür!) weisen wir darauf hin, dass es sich bei Wasser natürlich um H2O handelt. Aber manchmal muss man eben für die journalistisch anspruchsvolle Überschrift auch mal etwas frei sein… :)
Entry Filed under: Hintergrundartikel. Schlagworte: Gerechtigkeit, Globalisierung, virtuelles Wasser, Wasser, Wasserforum, Wasserknappheit, Zukunft.
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1.
Philipp Ranitzsch | 9. November 2009 at 11:48
Der Blogeintrage ist zwar schon etwas her, aber ich fang gerade erst an den Blog zu lesen.
O2 can do? und Wasser?!?! Sauerstoff ist zwar auch in Wassermolekülen vorhanden, aber eher in der Verbindung H20…
Dinge die einen Naturwissenschaftler stören können…
Aber das passiert, wie auch ein promientes Beispiel einer Elite-Uni zeigt:
Spiegel Online Werbeplakat Uni Konstanz